Tagebuch einer Frühchenmami – Nix wie weg hier

Jedes Mal, wenn ich die schlimmen Nachrichten über Fehler auf Frühchenintensivstationen lese, macht mich das ganz fertig. Zum Einen, weil mir die betroffenen Familien so unendlich leid tun und zum Anderen, weil mir die Vorstellung Angst macht, dass das auch wir hätten sein können.

Wir hatten das riesige Glück, dass Sophie in einer super Klinik mit Perinatalzentrum 1 geboren wurde. Fachlich wie auch menschlich war das Team dieser Klinik einfach top und wir sind so froh, dass sie dort geboren und anfänglich betreut wurde. Nach 10 Tagen intensiver Betreuung konnte unser kleiner Liebling dann in unsere neue Heimat verlegt werden. Wir hatten leider keine Zeit uns Kliniken anzuschauen, weshalb wir uns für ein Krankenhaus entschieden haben, dass von allen Seiten in den höchsten Tönen gelobt wurde. Warum ist mir bis heute immer noch nicht klar!

Gleich vom ersten Betreten der Intensivstation war mir diese suspekt und ich hätte Sophie am liebsten genommen und gleich wieder verlegt. In einem winzig kleinen Zimmer wurden 5 Babys gequetscht und die Eltern hatten kaum Gelegenheit bei ihren Babys zu sitzen. Hinzu kam, dass eine Kinderkrankenschwester 5 Babys in verschiedenen Zimmern zu betreuen hatte. Das hat uns von vornherein Bauchschmerzen verursacht, aber uns wurde versichert, dass sie immer ihre Kontrollpatienten mit auf den Bildschirm hätten. Naja, Datenschutz sieht ganz anders aus und von den hygienischen Gegebenheiten mag ich erst gar nicht sprechen!

Da mein liebster Ehemann gegen eine weitere Verlegung war, musste ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und irgendwie akzeptieren, dass Sophie von nun an dort liegen wird. Am Anfang lief auch alles überraschend gut. Sie entwickelte sich prächtig und kam zu unserer großen Freude an Weihnachten ins Wärmebettchen. Als wir dann noch zusammen ins neue Jahr gefeiert haben, war ich mir sicher, dass alles gut wird und es von jetzt an nur noch bergauf gehen wird.

Denkste, denn keine 24 Stunden später hatte unsere kleine Sophie ihren ersten Atemaussetzer seit sehr langer Zeit wieder. Diese wurden hervorgerufen durch die Diuretika, die sie wegen ihrer bronchopumonalten Dysplasie erhalten hat. Diese entwässern den Körper nicht nur von Wasser, nein auch von anderen wichtigen Stoffen. Tja, und dummerweise wurde bei Sophie auch zu viel Kalium ausgeschieden, was diese Atemaussetzer verursachte. Die Ärzte in der aktuellen Klinik meinten, dass man dagegen hätte gar nichts tun können, die Ärzte in der alten Klinik hingegen waren zum einen sehr verwundert, dass das so spät doch noch auftritt und das man nicht prophylaktisch Kalium gegeben hat. Naja, dadrüber kann man von mir aus streiten, was ich hingegen nicht so toll fand waren zum Einen die Aussetzer an sich und zum Anderen, wie damit um gegangen wurde.

Es war der 02.01. und ich saß wie an jedem Tag an Sophie Bettchen, als wieder einmal ein Atemaussetzer begann. Ich schaute auf den Monitor und die Sättigung begann zu sinken. Ich habe versucht sie durch leichtes Stimulieren wieder zum atmen zu bewegen, aber diesen Gefallen hat sie mir leider nicht erfüllt. Also versuchte ich sie immer stärker zu stimulieren, während die Sättigung immer weiter fiel und der Alarm unbemerkt vor sich hin tönte. Von unserer Kinderkrankenschwester war weit und breit nichts zu sehen und die Schwester zwei Bettchen weiter schien der Alarm einen feuchten Pups zu interessieren und dabei war sie nur mit Windeln wechseln beschäftigt. Sophie atmete immer noch nicht, die Sättigung fiel auf 48 und so langsam wurde sie trotz massiver Stimulation blau. Die Schwester interessierte das Ganze natürlich immer noch nicht! Als dann auch noch eine Ärztin reinkam und den Alarm völlig überhörend, anfing seelenruhig mit der Schwester zu plaudern, ist mir dezent der Kragen geplatzt und ich habe sie angeschrien, ob sich vielleicht mal jemand herablassen könnte nach meiner kleinen Tochter zu schauen, die mittlerweile schon ganz blau ist. Mein Brüller hat Sophie zum Glück dazu animiert wieder weiter zu atmen, als die Ärztin in aller Ruhe zu uns gelaufen kam. Sie schaute sich Sophie an und meinte dann „Stimmt, sie ist wirklich ganz blau!“ Ähhhh?!?! Nee, echt?!? Was glaubt die denn, dass ich hier aus einer Laune heraus rumschreie?!? Ich war danach total am Ende und habe erst einmal Christian angerufen, der dann auch gleich ins Auto gesprungen und zu uns gefahren ist. Dort hat er auch gleich den Chefarzt antreten lassen und ihm sehr deutlich klar gemacht, dass sowas lieber nicht noch einmal passieren sollte. Dieser versuchte sich rauszureden, dass es ja gar nicht so schlimm gewesen sei. Sie hätte ja spontan wieder geatmet (äh, nee ich habe stimuliert wie doof und woher wollt ihr das denn wissen? Es war doch niemand da?!?) und Frühchen werden gern mal blau (Sophie ist noch nie blau geworden, noch nicht mal in der Zeit, als sie ständig Apnoebradykardien gehabt hat). Und dann wollte er uns auch noch weiß machen, dass das ja gar nicht schlimm gewesen sei und solch ein Sauerstoffmangel von Frühchen sehr gut weggesteckt werden können. Hallo?!? Wir haben in der Uni gelernt, dass gerade bei den Kleinsten solch ein Sauerstoffmangel am schlimmsten ist!

Der Chefarzt ist dann etwas sauer von dannen gezogen und hat erst einmal sein Team zusammengestaucht, dass sowas nicht vorkommen darf. Und ich hatte von diesem Zeitpunkt an überhaupt kein Vertrauen mehr in die Klinik und wollte dort einfach nur noch weg! Und natürlich werde ich noch sehr lange Zeit Panik davor haben, dass durch diesen langen Atemaussetzer doch noch irgendwelche Schädigungen auftreten werden.

Dieser Vorfall hat mich natürlich sehr beunruhigt und die riesige Frage, was passiert wäre, wenn ich nicht da gewesen wäre lastete und lastet noch immer stark auf mir. Von da an war ich jeden Tag von ganz früh bis ganz spät in der Klinik, um ja alles mitzubekommen und bei Bedarf ganz schnell einschreiten zu können.

Aber sie entwickelte sich zum Glück ganz gut und trotz weiterer Fehlentscheidungen hörten auch die Atemaussetzer auf und das Atmen fiel ihr immer leichter. Als wir das dann endlich hinter uns hatten, hatte sie dann wiederrum mit dem Essen zu kämpfen.

Aus diesem Grund wurde Sophie kurze Zeit später auf die Kleinkinderstation verlegt! Nein, ihr habt euch nicht verlesen, sie wurde als Frühchen wirklich auf eine Kleinkinderstation verlegt, auf der Kinder mit Mumps, Masern und anderen sehr ansteckenden Krankheiten lagen. Aber wir sollten uns keine Sorgen machen, weil Sophie in ein Zimmer mit ein anderes Frühchen kommt. Das beruhigte uns zwar nicht wirklich, aber was soll man machen? Als ich dann allerdings in das neue Zimmer kam ist mir fast der Kragen geplatzt! Sie haben Sophie zwar in ein Zimmer mit einem anderen Frühchen gesteckt, aber dummerweise war die Mutter des anderen Babys eine Raucherin, die kurz vor unserem eintreffen noch in dem Zimmer geraucht hat. Es sollte doch v.a. in Kliniken bekannte sein wie gefährlich Passivrauchen ist und das v.a. für ein Frühchen, dass bis vor zwei Wochen noch Atemaussetzer gehabt hat. Ich also wieder einmal das komplette Ärzteteam antanzen lassen und bin wieder einmal sehr deutlich geworden.

Daraufhin kam Sophie in ein Einzelzimmer! Sie haben zwar noch zwei Mal versucht uns hintenrum das Raucherbaby ins Zimmer zu legen, aber ich habe mich immer wehement dagegen gewehrt! Von da an lag meine kleine Maus ganz alleine in einem großen Einzelzimmer, umgeben von Kleinkindern, ohne Zentralmonitor! Uns wurde versichert, dass man es an der Zentrale hören würde, wenn der Alarm losgeht oder sie weint.

Eigenartigerweise hörte ich bei fast jedem Eintreffen auf der Station den Alarm und mein weinendes Baby, aber von dem Krankenhausteam war weit und breit niemand zu sehen. Es tat mir so unendlich weh mein Baby dort alleine liegen zu sehen und keiner kümmerte sich um sie. Von da an war ich fast rund um die Uhr bei ihr und traute mich noch nicht einmal mehr essen zu gehen.

Als wir dann so weit waren, dass wir wieder einmal auf Entlassung hofften, hat sich Sophie eigenartiger Weise noch einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Danach war uns allerdings nicht mehr unklar wie sie ihn sich eingefangen hat, als wir gesehen haben, wie die Schwestern sie ganz normal anfassten und dann ohne Kleidungswechsel, Schutzkleidung oder ähnlichem zum nächsten Kind gegangen sind. Im nachhinein waren wir sogar froh, dass sie sich „nur“ einen Magen-Darm-Virus eingefangen hat.

Eines morgens kam ich in Sophies Zimmer und es standen ein riesiges Erwachsenenbett und ein weiteres Babybettchen mit drinnen. Dadurch war es soo voll, dass wir kaum noch mit reingepasst haben und wir total gequetscht an der Wand standen. Bei der Visite habe ich dann angemerkt, dass wir bei solch einem massiven Platzmangel auch gern nach Hause gehen können. Und sie haben sogar zugestimmt! Wir haben unsere sieben Sachen und Sophie sowas von schnell gepackt gehabt und waren schneller weg, als sie schauen konnten. Wir hatten wieder einmal so oft so viel Glück gehabt, dass wir es nicht noch einmal rausfordern und länger als irgendwie nötig dort bleiben wollten!

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2 Gedanken zu “Tagebuch einer Frühchenmami – Nix wie weg hier

  1. Boah was ist das denn für eine Klinik, geht ja gar nicht. Versteh dich voll, dass du sie da einpacken wolltest. Unmöglich, manche fühlen sich echt wie die Götter in weiß.
    Ich drück die Daumen, dass Sophie nichts zurückbehät wegen der Aussetzer.

    LG
    Petra

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