Tagbuch einer Frühchenmami – Trauern verboten!

Hallo Ihr Lieben,
Wir leben doch in einer sehr eigenartigen Welt! Und zwar in einer, in der Andere für einen bestimmen, wann man trauern darf und wann nicht. Was schlimm ist und was nicht. 

Über die Zeit habe ich die Erfahrungen gemacht, dass man bei Kinderwunsch nicht trauern darf. Nach einer Fehlgeburt darf man. Aber als Frühchenmami auf gar keinen Fall! Warum denn auch? Man sollte glückllich sein, denn dem Kind geht es doch gut!
Aus diesem Grund möchte ich mich heute mal genauer mit dem Thema traumatisierende Erlebnisse einer Frühchenmami beschäftigen! 
Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Ich durfte mir von einer Dame, die in der ferneren Vergangenheit eine Fehlgeburt hatte, sagen lassen, dass ich mich nicht so aufführen sollte und das wäre ja alles nur halb so schlimm gewesen. Und diese Aussage lässt mich zu dem Entschluss kommen, dass unsere Welt ein etwas falsches Bild davon hat was es heißt eine Frühchemami zu sein.
Ich muss auch in diesem Zusammenhang noch erwähnen, dass wir nicht zu den gottgesegneten Paaren gehören, die einfach mal so einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand halten durften. Oh nein, selbst für diese „Alltäglichkeit“ mussten wir bereits an die Grenzen des menschlich Machbaren gehen und ich kann Euch sagen, die ganze Procedur ist nicht wirklich angenehm! 
Und dann kam der vorzeitige Blasensprung! Es ist alles andere als schön auf dem Boden zu liegen und nur noch zu weinen, weil manglaubt sein Kind verloren zu haben. Und dann in der Klinik, wo einem niemand Hoffnung machen kann, weil niemand so recht glaubt, dass wir es schaffen werden. 
Das wochenlage Liegen und die wundgelegen Stellen. Diese panische Angst davor sich zu bewegen, weil man dann jedes mal wieder Fruchtwasser verliert und es dadurch zu wenig sein könnte. Und selbst wenn man sich nicht bewegt fliest es trotzdem und macht einen fast wahnsinnig! 
Dann am Tag ihrer Entbindung als ihr Herzchen so schnell geschlagen hat, dass ich fast dachte, dass es jeden Augenblick stehen bleiben wird, weil es das einfach nicht mehr schafft! 
Als sie, eine handvoll Leben, dann auf Intensiv lag und es ihr so schlecht ging. Und sich ihre Lungen einfach nicht erholen wollten. Später diese furchtbaren Atemaussetzer, bei dem der Herzschlag immer langsamer wurde und wir einfach nur Panik hatten, dass sie vielleicht nie wieder atmen wird und man alles dafür getan hätte, nur damit sie endlich wieder einen ersehnten Atemzug macht!
Ich habe mein Baby in 4 Monaten so oft sterben sehen und sie wurde jedes Mal wie ein Wunder gerettet. So oft, dass ich mich selbst jetzt kaum freuen kann aus Panik, dass wieder was passiert und ich sie vielleicht für immer verlieren könnte.

Aber nein, wir Frühchenmamis dürfen nicht trauern! Weil mein Kind lebt ja und es ist ja alles nur halb so wild. Und ich sollte mich doch freuen! Freuen?!? Worüber??? Dadrüber das ich durch die absolute Hölle gegangen bin und mir dafür außer von meiner Familie von den meisten Menschen anhören muss, dass ich doch glücklich sein soll? Ich bekomme immer nur gesagt, dass ist doch nicht schlimm! Freu dich doch, dass alles gut gegangen ist!
Aber das kann man nicht! Man kann nicht diese ganzen traumatischen Erinnerungen und Gefühle abstreifen wie ein Kleidungsstück und dort weitermachen, wo man vorher aufgehört hat. Das geht einfach nicht und dieses Unverständnis der Umwelt macht es leider nicht wirklich leichter. Im Gegenteil: Man fühlt sich noch schlechter!

Und das bringt mir wieder zu meiner Anfangsfrage, wer eigentlich entscheidet wer trauern darf und wer nicht? Und ist dass oben aufgeführte nicht ausreichend, um trauern zu dürfen?
Sollte nicht Jeder ein Recht darauf haben in dem Maße und zu dem Zeitpunkt trauern zu dürfen wann er möchte und wie er möchte?
Ich ziehe mich jetzt ganz entsetzt in ein kühles Eckchen zurück und wünsche Euch noch eine schöne Woche!
Alles Liebe,

Eure ela

3 Gedanken zu “Tagbuch einer Frühchenmami – Trauern verboten!

  1. Liebe Tanja,

    es tut mir sehr leid, das ihr sowas durchmachen musstet! Das ist der Albtaum jeder Eltern und etwas, dass man nicht mehr vergisst!

    Bei uns war es zum Glück keine Herzstillstände, sondern Atemaussetzer, die das Herz immer langsamer schlagen lassen, bis es dann auch aussetzt. Aber bis dahin hat man länger Zeit zum reagieren und zu richtigen Herzstillstanden ist es bei uns Gott sei Dank nie gekommen!

    Wir hatten auch das große Glück, dass wir in einer Klinik waren, die nur stabile Babys ohne Monitor nach Hause entlassen. Zu der Krankenhauszeit fand ich das irgendwie doof, weil ich Sophie doch so schnell wie möglich zu Hause haben wollte. Mittlerweile finde ich die Einstellung des Krankenhauses sehr gut und bin froh, dass sie es so machen. So hat sich alles was sich auf die Schwangerschaft und die Geburt bezog in einer anderen Stadt abgespielt (durch den Umzug) und dadurch war es nach der Entlassung etwas einfacher, da man nicht noch zusätzlich an die Geschehnisse erinnert wurde.

    Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute!
    Liebe Grüße,
    ela

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  2. Liebe Ela!!!
    Ich kann dich sehr gut verstehen!!! Ich bin zwar keine Frühchenmami, aber mein Sohn wäre bei der Geburt beinahe gestorben. Er atmete einfach nicht mehr und hatte Herzstillstand. Die Ärzte reanimierten ihn und er lag auch Wochen lang auf Intensiv. Und kaum dass ich ihn endlich mit nach Hause nehmen durfte, geschah das gleiche Spiel von vorne. Herz und Atmung setzten einfach aus. Hätte mein Mann nicht so schnell reagiert, wäre er heute nicht mehr am Leben. Also wieder einige Wochen Intensiv. Das erste Lebensjahr war die Hölle für uns. Jeder sagte uns auch, sei froh, dass er lebt, aber keiner hat je verstanden, was es heißt, montagelang, ja sogar Jahre mit der Angst zu leben, dass du dein überalles geliebtes Kind doch noch verlierst. Wir haben jede Nacht an seinem Bett gesessen und geschaut, dass er noch atmet, es war die Hölle!!! Heute ist er 9 Jahre alt und quitschgesund. Jedoch bei jedem Husten oder Verschlucken, das anders ist als sonst, ist die Angst sofort wieder da. Es sitzt einfach viel zu tief drin. Selbst heute nach fast 10 Jahren kann ich niemandem davon erzählen, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Es geht ihm gut und da bin ich auch sehr dankbar für, aber die Angst bleibt immer!!!! Mit den Jahren verblasst sie, aber manchmal kommt sie wieder sehr stark hervor. Er wird wohl immer unser „Sorgenkindchen“ bleiben.
    Von daher kann ich dich sehr gut verstehen. Wenn dir also nach trauern ist, dann trauere ruhig. Lass andere Leute einfach reden, die haben keine Ahnung. Mitreden kann eh nur, wer gleiches durchgemacht hat. Ich weiß wie es ist, es ist die Hölle!!!
    GlG
    Tanja

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  3. J. würd jetzt sagen: Leider sieht jeder Mensch immer nur sich selbst und seine Bedürfnisse!

    Ich glaube, das paßt hier ganz gut. Für eine Frau, die eine Fehlgeburt hatte, wäre deine/eure Situation wahrscheinlich ein Segen und sie übersieht dabei, dass ihr/du ja mehrere Monate in ständiger Angst gelebt habt und es eben auch Situationen gab, wo nicht sicher war, ob ihr euer Glück behalten dürft.
    Vielleicht ist es aber auch in so einer Situation schwer überhaupt für Andere Verständnis aufzubringen, weil man selbst so voller Schmerz ist.
    Ich glaube, wenn jeder versuchen würde anderen ein bißchen mehr Verständnis entgegen zu bringen, dann wäre das Leben manchmal um einiges leichter :).

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