Tagebuch einer Frühchenmami – Die Frage, die niemand hören möchte

Es gibt Fragen, die möchte man in seinem Leben niemals gestellt bekommen und als Schwangere schon mal gar nicht. Leider gehören wir zu den Paaren, denen diese Frage gestellt werden musste.

Als ich in der Klinik lag kamen von Anfang an regelmäßig die Neonatologen bei uns vorbei, um zu schauen, wie es mir so geht. Immer wenn ich sie dann fragte, wie es denn aussieht wurden sie ganz bedächtig und meinten immer nur, dass man das absolut nicht sagen könnte. Das ich noch in einer sehr frühen Schwangerschaftswoche sei und wir jetzt einfach hoffen müssten, dass keine Wehen auftreten und dass es zu keiner Infektion kommt.

Als ich bereits 2 Wochen im Krankenhaus lag, bekammen wir wieder einmal Besuch von einem Neonatologen. Mir ging es in der Zeit leider nicht so gut, da ich mir kurz nach der Einlieferung auch noch einen Magen-Darm-Virus einfangen musste, der die Lage alles andere als entspannte.
Ich lag also einfach so da und starte wie immer den Fleck an der Wand an, als der Neonatloge auf einmal in mein Zimmer kommt. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich über den Besuch alles andere als erfreut war und seine an diesem Tag besonders sorgenvolle Miene macht die ganze Situation auch nicht besser.

Er teilte mir mit, dass man sich heute morgen in der Frühbesprechung darauf geeinigt hätte, dass man jetzt schon bei 22+5 mit der Lungenreife beginnen möchte. Ich war dadrüber sehr überrascht, da es die ganze Zeit hieß, dass sie frühestens bei 23+5 begonnen werden kann, da sie vorher nicht so gut wirksam sei.
Als ich ihm diese Frage stellte meinte er nur, dass man das in meinem besonderen Fall so entschieden hat, damit das Baby, wenn es geholt werden sollte lieber eine nicht ganz so wirksame, als gar keine Lungenreife hätte.

Auf diese Aussage hin war mir schon sehr mumlig zumute, aber es sollte leider noch viel schlimmer werden!
So schaute mich der Arzt an und erklärte mir, dass ich das ja sehr gut machen würde und ich jetzt schon sehr lange ausgehalten hätte ohne Wehen oder eine Infektion zu bekommen. Aber es sei trotzdem sehr gut möglich, dass ich auf einmal Wehen bekomme oder es dem Baby nicht gut geht. Und durch den Magen-Darm-Virus  würde dir Wahrscheinlichkeit noch weiter steigen. Wir würden zwar in ein paar Tagen mit der Lungenreife beginnen, aber es ist trotzdem die Frage, was mit dem Baby passieren soll, wenn es vor 24+0, also unter 500g geholt werden müsste. Unter 23+0 würden wir leider nichts tun können, aber was soll geschehen, wenn ihr Baby zwischen 23+0 und 23+6 geholt werden muss?

Für mich ist in diesem Augenblick eine Welt zusammengebrochen! Seitdem ich im Krankenhaus lag haben wir die Tage gezählt. Am Anfang sah der 14. Oktober, die 24+0 so unerreichbar aus, dass wir es nicht zu wagen hofften so lange durchzuhalten. Es war erst September, wie sollten wir es denn da bis Mitte Oktober schaffen? So lag ich Tag für Tag in meinem Bett und starrte den Fleck an der Wand an, unfähig mich zu bewegen, weil dadurch ja noch mehr Fruchtwasser geflossen wäre und sonst was hätte passieren können. Dann fingen wir gerade an etwas zu hoffen, dass wir doch noch die 24+0 erreichen könnten und dann diese Frage!

„Was soll mit ihrem Baby passieren, wenn es zwischen 23+0 und 23+6 geholt werden muss? Sollen wir ihm helfen oder sollen wir es gehen lassen?“ Für mich ist mit dieser Frage eine Welt zusammengebrochen und ich werde diese Frage nie wieder vergessen! Er erläuterte dann noch etwas davon, dass auch wenn sie dem Baby helfen man nicht sagen kann, ob es nicht doch sterben oder schwere Behinderungen haben wird. Das es zu Hirnblutungen oder sonst was kommen könnte. Ich muss gestehen, dass ich ihm nicht mehr richtig zugehört habe, denn ich war viel zu verzweifelt, um mir irgendwelche Argumente anzuhören.
Er wollte mein Baby sterben lassen!?! Nein, nicht mein Baby, meine Sophie! Meine kleine Sophie Emily wollte er einfach so sterben lassen? Dabei zusehen wie sie stirbt und nichts für sie machen wollen? Meine kleine Maus, für dich ich so gekämpft habe, die so sehr gewollt war! Und mein Mächen wollte er einfach so sterben lassen? Nachdem wir so lange schon gekämpft hatten???
Ich war am Boden zerstört und meine Gedanken kreisten nur dadrum, dass er mein Baby sterben lassen möchte! Einfach so, ohne ihm zu helfen!

Er schaute mich dann irgendwann an und betonte, dass man das vorher besprechen müsste, weil wenn sie erst mal da ist müssten sie gleich handeln oder auch nicht! Ich konnte ihm nicht in die Augen schauen und erklärte ihm dann nur, dass er alles für mein Baby machen soll, was in seiner Macht steht.
Er erklärte mir daraufhin, dass er mich dann aber drauf hinweisen muss, dass es zu Hirnblutungen kommen könnte, dass das Baby dann trotzdem streben oder stark behindert sein könnte. Dass die Wahrscheinlichkeiten dafür bei einem Baby unter 500g sehr hoch sein. Wenn sie die 24+0 erreicht hätte, sähe es schon viel besser aus, aber dadrunter ist es eher wahrscheinlich, dass sie doch sterben oder stark behindert sein würde. Er muss mir das so deutlich machen und betonte, dass er wisse wie ich mich jetzt fühle, da sein Sohn selber stark behindert sei und man sich vorher absolut nicht vorstellen kann, was das wirklich bedeutet für sich und für das Leben des Kindes.

Meine Entschlusskraft schwand, denn ich wollte ja auch  nicht, dass Sophie qualvoll sterben oder für den Rest ihres Lebens Schmerzen haben würde. Ich war einfach nur am Ende mit meiner Kraft und wusste einfach nicht, was wir machen sollten. Genau in diesem Augenblick habe ich einen kleinen Stupser von Sophie erhalten und das war für mich das Zeichen, dass sie Leben möchte und das sie kämpfen wird!

Ich habe ihm dann erklärt, dass ich spüre, dass sie Leben will und eine kleine Kämpferin sei. Er hat mir dann nur erläutert, dass das Frauen, deren Babys starke Behinderungen hätten und deshalb nicht lebensfähig sein auch immer sagen würden, da man das als Mutter leider nicht spürt. Ich habe im dann nur erklärt, dass es meinem Baby aber doch gut geht und nur wegen dieses dämlichen Blasensprunges jetzt solche Probleme hat. Sie kann doch nichts dafür, dass ihre Mutter nicht in der Lage ist eine Schwangerschaft auszutragen.

Aus diesem Grund haben wir uns dann dafür entschieden, dass die Ärzte das entscheiden sollen! Wenn Sophie wirklich zwischen 23+0 und 23+6 geholt werden muss, würden sie sie ja sehen. Wenn sie dann ganz schlapp da liegt und kaum am Leben ist, dürften sie sie gehen lassen, aber wenn sie auch nur den geringsten Lebenswillen in ihr erkennen sollten sie alles erdenklich mögliche für sie tun, um sie zu retten!

Mit dieser Entscheidung konnte ich ganz gut leben, denn ich spürte, dass Sophie Leben möchte und dass sie selbst jetzt, schon eine ganz große Kämpferin ist!

Von diesem Tag an brach ich immer in Tränen aus, sobald dieser Neonatologe zu mir kam. Selbst als  ich in der 31. Schwangerschaftswoche war und er mir eigentlich nur sagen wollte, wie großartig wir es bis jetzt gemacht hätten und das Sophie, wenn sie jetzt geholt werden würde, gar kein Problem mehr darstellen würde. Selbst das konnte ich kaum hören, da ich bereits bei seinem Anblick wieder in Tränen ausgebrochen bin!

3 Gedanken zu “Tagebuch einer Frühchenmami – Die Frage, die niemand hören möchte

  1. Hallo Ela,

    ich bin noch ganz ergriffen. Ich kann mir garnicht vorstellen wie es Euch in der Zeit gegangen sein muss. Ich hoffe Ihr werdet nun entschädigt und habt eine sorgenfreiere Zeit.

    Liebe Grüße aus Hamburg
    Anja

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  2. es ist toll, dass du deine gedanken so schön niederschreibst. niemand, der es nicht selbst erlebt hat, – auch ich nicht – kann sich vorstellen,wie es ist, eine solche entscheidung treffen zu müssen.
    umso toller natürlich, dass deine sophie nun brav wächst und gedeiht!
    lg martina

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  3. Ela, ich würd Dich grad am liebsten in den Arm nehmen. Du hast echt viel durchgemacht für Eure kleine Sophie. Umso schöner, dass sich alles so wundervoll für Euch entwickelt hat. Ich hoffe, wir sehen im November neue Fotos von der kleinen Maus. Freu mich schon darauf zu sehen, wie groß sie wieder geworden ist. Liebe Grüße, Kirstin

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